AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°14

Nordpiemont: in alter Frische

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Das Märchen vom Dornröschenschlaf und dem damit zusammenhängenden, grossen Erwachen erzählt man sich über viele Weinregionen. Doch noch nie haben wir von REB Wein dieses Erwachen so hautnah miterleben können wie im Nordpiemont. Denn die Region südlich des Simplons und am Fuss der Südalpen ist gerade erst im Begriff, wachgeküsst zu werden. Vor der Reblaus-Katastrophe Anfang des 19. Jahrhunderts gab es im «Alto Piemonte» rund 40’000 Hektar Reben, heute sind es noch rund 1’000 – mit zu unserem Glück wachsender Tendenz.

Der Niedergang der nordpiemontesischen Weinwirtschaft war von mehreren Phasen geprägt. Die desaströse Reblaus war nur der Anfang, es folgten zwei Weltkriege und zeitgleich eine Abwanderung des Arbeitervolkes aus der Landwirtschaft in die aufstrebende Textil- und Maschinenindustrie. Noch heute zeugen in den Wäldern der Abhänge überwucherte Cascinas und zerfallene Terrassen von der einstigen Hochblüte der Weinkultur. Gattinara, Ghemme und Lessona waren einst weit berühmter als Barbaresco, Barolo oder sogar viele Burgunder.

Junge Winzer, traditionelle Methoden
Die Dynamik, die der Region zurzeit wiederfährt, ist nirgendwo besser zu spüren als beim Weingut Colombera & Garella. Giacomo Colombera ist gerade mal Mitte 20 und sein kongenialer Partner Cristiano Garella Anfang 30. Die beiden schaffen es wie niemand anderes, die Qualitäten des Nordpiemonts in ihren Weinen zum Ausdruck zu bringen. Mit modernen Anbaumethoden oder abenteuerlicher Önologie hat das natürlich nichts zu tun, sondern ganz einfach mit dem Ausdruck des Terroirs. Die Gegend ist geprägt von einem vorzeitlichen Supervulkan, vom Fluss Sesia und natürlich vom rauen Klima der Alpen. Die Region profitiert von perfekt zur Sonne ausgerichteten Lagen, von grossen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht, vom gemässigten Voralpenklima und eben – von einem einzigartigen Terroirmix.

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Cristiano Garella (r.) arbeitet als önologischer Berater für viele andere Weingüter in der Region und diesen rät er ganz einfach dazu, mal die Füsse stillzuhalten, auf das Terroir zu hören und die Mainstreamtendenzen aussen vor zu lassen. Anderswo würde man als Önologe dafür wohl entlassen, doch hier scheint es ganz natürlich zu sein, dass man an den Methoden der Vorfahren anknöpft.

Fernab des Mainstreams
Alle Nebbiolo-Weine aus dem Nordpiemont besitzen hohe Säurewerte und können deshalb sehr gut altern. Eigentlich können sich die Winzer hier glücklich schätzen, dass ihre Region von der Parkerisierung und vom damit zusammenhängenden, meist fetten Weinstil verschont wurden und während die Klimaerwärmung in vielen Gegenden Italiens für Schwierigkeiten sorgt, scheint sie im moderaten Voralpenklima ein Vorteil zu sein.

Colombera & Garella produzieren neben einem DOC-Wein Coste della Sesia auch je einen Wein aus den Unterregionen Bramaterra und Lessona. Während der Hügel Bramaterra von Böden aus bröckeligem, rötlichem Porpyrgestein vulkanischen Ursprungs geprägt ist, stammt der Lessona von gelblich-beigem, sandigem Meeresurgestein.

Das Nordpiemont ist keine Region mit breitem Sortenspiegel, sondern eine, die von ihrem vielfältigen Terroir lebt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Sorte Nebbiolo nicht etwa aus der Region um Alba stammt, sondern eben aus Alpennähe. Im nördlichsten Zipfel des Anbaugebiets – um Domodossola, südlich des Simplons – gibt es den Nebbiolo-Klon Prünent, der auf granitenem Untergrund wächst. Mario und Roberto von der Cantine Garrone haben diesen Wein mit jahrhundertealter Tradition quasi im Alleingang reaktiviert und keltert daraus grosse, ganz eigenwillige, schlanke, feinwürzige Nebbiolo-Weine. Im Gegensatz zu einem Barolo oder Barbaresco besteht die Struktur eines Prünents vielmehr aus Säure und Frucht als aus Gerbstoff und Alkohol.

 Trocken, schlank, feinfruchtig und langlebig
Neben Nebbiolo kommen bei den Weinen des Nordpiemonts auch die autochthonen Sorten Vespolina und Uva Rara zum Einsatz. Unser aktueller Neuzugang Brigatti weiss damit zu spielen wie kein Zweiter. Francesco Brigatti ist im östlichen Nordpiemont, in der Unterregion Colli Novaresi zuhause. Hier entsteht auf Moränenböden einer der grossen nordpiemontesischen Klassiker. Francescos Möt Ziflon gehört zu den elegantesten Nebbiolo-Vertretern und besitzt eine unverkennbare, nordpiemontesische Charakteristik: trocken, frisch, schlank, feinfruchtig und langlebig.

Die berühmteste Lage der Region aber ist der Gattinara – die Nebbiolos von eisenhaltigen Porphyr-Böden sind gemeinhin so unbekannt wie unter Kennern legendär. Und so mussten wir einfach den schlicht kultigen Gattinara von Mauro Franchino in unser Sortiment aufnehmen. Wie seine Weine, ist auch er ein Urgestein von Winzer mit mehr als 50 Ernten auf dem Buckel. Franchino arbeitet so, wie man es schon seit Hunderten von Jahren tut, vergärt spontan, baut den Wein im grossen und nur im grossen Holzfass über fast 4 Jahre aus und greift nur dort ein, wo es wirklich nötig ist. Ein Qualitätsfanatiker alter Schule und damit mehr denn je am Puls der Zeit.

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