AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°18

Frankreich ohne Chichi

Bild_NL_oben

In den meisten Köpfen ist Frankreich als Weinland positiv besetzt. Manche glauben zwar, dass alle französischen Weine teuer seien, an der Qualität des französischen Weins wird generell aber selten etwas kritisiert. Frankreich ist premium, und das seit vielen Jahren. Natürlich, diese Aussage ist für so ein facettenreiches und grosses Land zu pauschal gefasst, aber es ist doch schon bemerkenswert, dass viele Qualitätsmerkmale beim Wein französischen Ursprungs sind. Spanische Winzer sind stolz darauf, wenn sie französische statt amerikanische Barriquefässer einsetzen. Das Wort «burgundisch» wird oft verwendet, um einen besonders eleganten Wein zu loben (auch wenn lange nicht alle Weine aus dem Burgund elegant sind), und der allgegenwärtige Begriff Terroir ist nicht nur französisch, auch die Idee dazu ist definitiv in Frankreich entwickelt worden.

Ein Terroirwein ist ein Wein, der geschmacklich widerspiegelt, wo und unter welchen Umständen er gewachsen ist. Dazu gehört die Rebsorte, der Boden, das Klima und vor allem der Mensch. Bemerkenswert dabei ist, dass man sich heute eigentlich darüber einig ist, dass Zurückhaltung im Weinberg und Keller den Terroirausdruck begünstigt und dass echtes Handwerk dafür unabdingbar ist. Das ist nicht nur wichtig und richtig, sondern ebenfalls französischen Kräften zu verdanken.

Urvater der Überzegung, dass biologischer oder biodynamischer Anbau zu Weinen mit grossem Ausdruck führt, ist der Loirewinzer Nicolas Joly. Er gehörte zu den Ersten, die mit biodynamischem Wein für Furore sorgten. Seit 1981 bewirtschaftet Joly seinen Clos de la Coulée de Serrant biodynamisch und beeinflusste damit Weinmacher in aller Welt. Nicolas Joly geht mit seinem kompromisslosen Anbau und der handwerklichen Kellerarbeit schon sehr weit, dennoch gibt es heute eine Weinbewegung, die noch ein Stück weiter geht. Und damit ist eigentlich kein Fortschritt gemeint, sondern die Rückbesinnung auf alte Werte, auf die sich auch Joly beruf

Hauptbild
Die Rede ist vom heute gefeierten Vin Naturel oder Naturwein – zu dem auch ein grosser Teil unseres Sortiments gehört. Und wie könnte es anders sein, auch diese Entwicklung, die neben dem Anbau auch die Interventionen im Keller hinterfragt, nahm ihren Anfang in Frankreich. Es war der Chemiker und Winzer Jules Chauvet (1907–1989), der in der dunklen Zeit des Beaujolais, in der es um schnelle Vinifikation, um die Bedienung des Marktes (mit Beaujolais Nouveau!) und nicht in allererster Linie um Qualität ging, danach strebte, die Qualität seiner Weine und der Region allgemein zu verbessern. Und er tat, was ihm am logischsten erschien: Er ging – wie Joly – zurück zu den Wurzeln. Er verzichtete zuerst mal auf chemische Dünger und Herbizide, auf Chaptalisation, auf Reinzuchthefen, auf Filtration, auf Schönung und schliesslich auf Schwefeldioxid. So die Kurzversion – Chauvet publizierte als Wissenschaftler viel zu dem Thema und experimentierte als Winzer über viele Jahre. Denn ihm ging es nie um irgendeine Ideologie, sondern ganz einfach um Qualität. Die Legitimation für Zurückhaltung bei der Weinherstellung schlechthin.

Davon liessen sich zunächst viele Winzer in Frankreich inspirieren und später auf der ganzen Welt. Ein weiterer Pionier ist etwa Pierre Overnoy, der noch heute in Pupillin im französischen Jura seine raren Naturweine füllt. Overnoys Weine können wir leider nicht anbieten, aber seit wenigen Monaten haben wir einen Crémant du Jura der Domaine Overnoy im südlichen Jura im Sortiment. Betrieben wird diese von Jean-Louis und dessen Sohn Guillaume Overnoy, und als Grossneffe von Pierre kann Guillaume fast gar nicht anders, als die Ideen des zurückhaltenden Weinbaus in seinen Betrieb zu integrieren. Dieser befindet sich in der Umstellung auf biologischen Anbau und im Keller wird auf alles verzichtet, was geht.

Ganz neu im Sortiment haben wir den Beaujolais-Villages von Clotaire Michal, und wer seinen Beaujolais probiert oder mit ihm über seine Philosophie spricht, merkt schnell, dass die Ideen von Jules Chauvet sich bis heute in der Region gehalten haben: naturnaher Anbau, interventionsarme Arbeit im Keller.

Nicht dass es jetzt so wirkt, als ob Frankreich uns nur mit naturnahem Anbau und grossem Ausdruck der Herkunft überzeugte, nein, Frankreich überzeugt uns auch mit dem Preis. Denn es ist ganz einfach falsch, dass Frankreich nur premium könnte. In keinem anderen Land finden wir preisgünstige Weine, die so viel anzubieten haben wie hier. Das gilt für die beiden obigen Gewächse genauso wie für viele andere auch. Da wäre zum Beispiel unser Cahors Le Gamotin – ein würzig-beeriger, frischer Bistrowein, für 12.50 Franken unschlagbar im Preis. Oder eine Klasse höher der Madiran Clos Basté – ein ausdrucksstarker, langlebiger Terroirtropfen, komplett aus Tannat gekeltert, der mit 23 Franken manch teureres Gewächs im Regen stehen lässt. Produziert wird der Wein von Chantal und Philipp Mur und natürlich gehen auch sie bei der Weinproduktion so naturnah und zurückhaltend wie nur möglich vor. Und wahrscheinlich hat es genau mit dieser Philosophie zu tun, dass handwerklich produzierte Weine und ihre Macher in keinster Weise aufgeblasen sind – weder im Geschmack, noch in der Art und auch nicht im Preis.

Bookmark the permalink.

Comments are closed.