AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°21

Domaine Sainte-Croix: The Wild Side of Languedoc

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Um einen Wein geschmacklich einschätzen zu können, ist man gut beraten, wenn man das blind tut, also ohne den Winzer, die Region oder die Traubensorte zu kennen. Denn wenn man die Parameter eines Weines kennt, ist es gut möglich, dass man voreilig Sympathiepunkte verteilt. Doch ist das wirklich so schlimm? Im normalen Trinkalltag ganz sicher nicht! Zu einem Wein gehört so viel mehr als der blosse Geschmack. Wein erzählt Geschichten, ist Ausdruck eines Ortes, einer Vegetationsperiode und vor allem ist er Ausdruck einer Persönlichkeit. Und da ist es ja nur logisch, dass man lieber den Wein einer Person trinkt, die einem sympathisch ist, mit der man etwas verbindet, als von einer, die man vielleicht gar nicht kennt oder noch schlimmer – mit der man lieber keinen Abend verbringen möchte.

Die Weine von Jon und Elizabeth Bowen zaubern uns immer ein Lächeln aufs Gesicht und das aus vielerlei Gründen. Die gebürtigen Engländer arbeiteten in den verschiedensten Betrieben auf der ganzen Welt, in kleinen Boutiqueweingütern ebenso wie in grossen Stahltank-Wein-Fabriken, bis sie sich entschieden, sich im Hautes-Corbières, also dem höhergelegenen Teil des Corbières-Massivs, im Languedoc niederzulassen. Eine Region mit grossem Potenzial für hochwertige Weine. Die Hautes-Corbières ist Niemandsland. Während in den tieferen Gefilden Richtung Mittelmeer der Weinbau das Landschaftsbild dominiert, regiert im Hinterland die Garrigue, eine wilde, rurale und unverfälschte Buschlandschaft, die vor allem im Sommer unwiderstehlich wild-kräutrig riecht, ganz wie die Weine, die hier wachsen. Die Reben von Jon und Liz stehen hier quasi isoliert, in einer absolut reinen, unverpesteten Gegend – gut für die Reben, ihre Macher, den Wein und für uns.

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Kennengelernt haben wir Jon und Liz über unseren Freund und “maître caviste” Laurent Jamois aus Lagrasse und schon bald nach dem ersten Zusammentreffen – inklusive eines ausgedehnten Nachtessens und der einen oder anderen Flasche Wein – war uns allen klar, dass wir zusammenarbeiten möchten.

Jon und Liz kümmern sich gemeinsam um die Rebberge, im Keller ist Jon der Chef, während sich seine Frau um all den Zahlenkram kümmert, den ein Weingut nun mal auch noch mit sich bringt. Jon spielt in seiner Freizeit Gitarre und ist ein absoluter Musiknerd, sodass die Gespräche sich auch mal stundenlang um dieses Thema drehen können und Wein zum angenehmen Nebenaspekt wird. Während es für Jon bei der Musik auch mal virtuos sein darf, übt er im Keller Verzicht, er extrahiert die Trauben sehr zurückhaltend, vergärt sie mit Vorliebe spontan, lässt das Filtrieren der Weine, wenn es denn nicht unbedingt sein muss, schönt nicht und gibt Sulfite einzig in minimalen Dosen zu.

Die Weine der Domaine Sainte-Croix reflektieren die Faszination und auch den Respekt der Bowens für die Hautes-Corbières. Jon und Liz suchten lange nach alten Parzellen, bestockt mit Carignan und anderen alten Sorten, die ihnen auf natürliche Weise das Mass an Konzentration und Ausdruck geben, nach dem sie in ihren Weinen suchen.

Betrachtet man die Fakten, gehören Bowens klar zu den Naturweinwinzern. Doch wenn man die beiden und ihre Arbeit näher betrachtet, wird einem erst klar, wie wenig Sinn dieser Ausdruck überhaupt macht. Jon und Liz sind ganz einfach zwei Menschen, die sich, den perfekten Ort für ihr Schaffen und die dazu passenden Methoden gefunden haben. Schön, dass es sie und ihre Weine gibt.

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