AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°26

Rotwein: Weniger ist mehr

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«Wer viel hat, muss viel zeigen» – das ist nicht nur in puncto Oberbekleidung bei Frauen, sondern auch bei der Rotweinvinifikation ein Irrglaube. Gerade in heissen Regionen, wo die Trauben oft von Natur aus dickschalig und zuckerreich sind, scheinen die Winzer oft das Maximum an Extrakt und Kraft rausholen zu wollen. Warum man diese von Natur aus schon tannin- und alkoholreiche Gewächse so lange wie es nur geht auf der Maische liegen lässt und ihnen dann noch mit Neuholz jeden Funken frische Frucht nimmt, ist und bleibt uns schleierhaft. Gut, Erklärungen dafür gibt es schon: In den 90er-Jahren folgten viele Regionen und Produzenten dem Ruf von Kritikern nach kraftvollen, vollmundigen, tanninreichen und gerne auch holzgeschwängerten Tropfen – doch darüber sollten wir doch langsam hinweg sein! Die meisten Kritiker heute – die Verkoster von Robert Parker eingeschlossen – bevorzugen längst Eleganz, Ausdruck und Frische, und wenn wir uns selber oder die Weintrinker in unserem Umfeld fragen, geht es den Konsumenten genau gleich.

Hauptbild_NLDie Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hin zu Blockbuster-Weinen wie Supertuscans oder Ribera-del-Duero-Brettern hatte natürlich auch ihr Gutes. Gerade betreffend Anbau haben in der Zeit viele Regionen grosse Fortschritte gemacht, was dann aber eigentlich ein weiterer Grund ist, im Keller Zurückhaltung walten zu lassen. Warum auch eine der Natur hart abgerungene, perfekte Frucht mit allzu viel Extraktion oder Neuholz verschleiern?

Wir malen hier natürlich ein apokalyptisches Bild – denn nicht alle Winzer und Weine sind so. Ausgerechnet in Spanien – wo wir vor ein paar Wochen auf einer Reise unzählige Holzmarmeladen vorgesetzt bekamen – gibt es eine wachsende Gruppe von Produzenten, die amerikanischem Holz und monatelanger Maischegärung den Rücken kehrt. Es sind vor allem jüngere, weltoffene Produzenten, die erkannt haben, dass die Schule der Konzentration eine Sackgasse ist. Ein gutes Beispiel dafür sind die Macher des Tragaldabas, eines Rotweines aus der Sierra de Salamanca an der portugiesischen Grenze. Der Wein besteht zu 100 Prozent aus der in der Region (oder im benachbarten Portugal) heimischen Sorte Rufete, die hier im kühlen Klima der Berge fast nur elegant gelingen kann – und dann eben im Keller oft zur Unkenntlichkeit überkeltert wird. Die jungen Weinmacher des Tragaldabas sind nebenbei (oder umgekehrt) auch Importeure für Weine aus Frankreich, allen voran aus dem Burgund. Als solche suchen sie eh schon die Frische im Wein und bewahren ganz einfach die Frucht, die sie ernten. Es wird nichts forciert, sondern das auf die Flasche gebracht, was da ist. Nicht mehr und nicht weniger. Am Ende ist das ganz einfach Wein, wie man ihn trinken will. Wein, der die Umgebung zeigt, in der er gewachsen ist. Es wäre doch so einfach…

Angesteckt von der französischen, zurückhaltenden und im Endeffekt eben traditionellen Schule gibt es viele weitere junge Produzenten, die uns begeistern. Es gibt für uns keine schöneren Chianti Classico als die von Montebernardi, kein Cabernet, kein Merlot, kein Barrique, sondern purer Sangiovese und traditionelles, grosses Holz bewahren hier den wahren Ausdruck der Gegend. Ein Neuzugang im REB Wein-Sortiment ist die Domaine de L’R von der Loire. Und auch hier sucht man nichts weiter als den wahren Ausdruck des Ortes, an dem die Reben stehen. Der Le Canal des Grandes Pièces ist ein offenherziger, verführerischer Cabernet Franc, wie er authentischer nicht sein kann. Ein Saufwein, der dazu steht, was er ist und kein konzentrierter, marmeladiger Blockbuster, der auf der Zunge beeindruckt und einem kurze Zeit später im Hals stecken bleibt.

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