AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°27

Prünent: Rarer Alpinist

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Das Wort Piemont nehmen wir Weinliebhaber oft allzu leichtfertig in den Mund und denken dabei an die Lagen von Barolo oder Barbaresco, an die Stadt Alba mit ihrem Dom oder an weisse Trüffeln. Doch die eigentliche Bedeutung des Wortes «Piemonte» erschliesst sich einem erst, wenn man die nördlichsten Lagen der Region erkundet. «Ad pedem montium» – am Fusse der Berge befindet sich das Val d’Ossola, ein kleines Alpental südlich des Simplons und gleichzeitig die nördlichste Appellation des Piemonts, gar von ganz Italien. Hier wird seit Jahrhunderten Weinbau betrieben, wie er extremer nicht sein könnte. Umgeben von hohen Gipfeln und dem damit verbundenen, oft rauen Klima wächst auf Granitschotter der Prünent, ein lokaler, uralter Nebbiolo-Klon, der sich an das Leben in den Bergen perfekt angepasst hat. Die Prünent-Stöcke an den Talhängen sind teilweise über hundertjährig und somit wurzelecht. Sie werden auf Steinterrassen und oft in der traditionellen Pergola kultiviert.

So schwierig das Wetter am Fusse der Südalpen sein kann, das alpine Klima ist der Grund für die Vorzüge der hier wachsenden Weine, das gilt für das Val d’Ossolane genauso wie etwa für das Veltlin oder das Aostatal. Die Reben profitieren gerade im Herbst von grossen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht. Am Tag heizt sich der Talkessel auf und in der Nacht kühlen die Fallwinde der Berge diesen wieder ab. Hervorragende Voraussetzungen für die Entwicklung feinster Aromen und Gerbstoffe sowie die Erhaltung einer frischen Säure in den reifenden Beeren.

Die unbekannten Weine der Alpen dürften in Zukunft noch von sich reden machen, denn während viele berühmte Weinregionen durch den Klimawandel mit Hitze, Trockenheit und Wassermangel zu kämpfen haben, blühen die kühlen Regionen gerade jetzt mit perfekten, harmonischen Reifezyklen zu Hochform auf.

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Der Wein aus der Sorte Prünent wurde bereits 1309 erstmals urkundlich erwähnt und einst in grossem Umfang über das Centovalli ins nahe gelegene Tessin exportiert – lange bevor dort der heute allgegenwärtige Merlot Einzug hielt. Noch interessanter jedoch ist die Tatsache, dass der Nebbiolo in den Alpen bereits seit Jahrhunderten kultiviert wurde, bevor er in die Langhe und damit in die berühmten Lagen von Barolo und Barbaresco gelangte.

Bis vor wenigen Jahren schien das bescheidene Erbe des Prünent bedroht – die Sorte steht auf gerade mal 5 der insgesamt 45 Hektar Reben im Tal. Mario und Roberto Garrone sind gewissermassen die Retter der Sorte. Sie haben rund 60 Klein- und Kleinstproduzenten in der Associazone Produttori Agricoli Ossolani zusammengeführt. Jeder von ihnen kultiviert auf winzigen Flächen Prünent, meist als Hobby nach der Arbeit. Die Brüder Garrone verarbeiten die Trauben in ihrer Kellerei, und vermarkten den daraus gewonnenen Wein. Die Hälfte der Produktion dient dem «autoconsumo» der Winzer – also dem Eigenkonsum, nicht dem Konsum im Auto oder des Autos. REB Wein kann seit wenigen Jahren einige der Flaschen, die nicht von den Winzern selbst oder in der lokalen Gastronomie getrunken werden, für die Schweiz ergattern.

Der Prünent ist mehr als ein weiterer Nebbiolo aus dem Piemont, sondern ein seltener Zeitzeuge und ein einzigartiger Botschafter des alpinen Weinbaus. Die Sorte und vor allem ihre Macher sind wahre Helden, denn die Lage der Reben und der Anbau in Pergolas lässt den Einsatz von Maschinen gar nicht zu. Alles passiert von Hand und auf Dünger sowie chemisch-synthetische Spritzmittel wird seit jeher verzichtet. Der Prünent ist durchaus als komplexer Nebbiolo zu erkennen mit seiner grossen Eleganz und Aromatiefe. Er ist einzig alpiner als die berühmteren Pendants Barolo oder Barbaresco, verfügt über eine feine Säure- und Gerbstoffstruktur und passt insbesondere zu deftiger Alpenküche aber eigentlich auch zu allem, zu dem man auch einen grossen Nebbiolo aus der Langhe trinken würde.

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