AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°30

Weine vom Atlantik: Flüssige Meeresbrise

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Es ist wieder soweit: Die Schweiz fährt in die Sommerferien, mit Vorliebe natürlich ans Meer und unter den Meeren dann am liebsten ans Mittelmeer. Sollte sich ein Mittelmeer-Reisender dazu entschliessen, mal ein Jahr an den Atlantik zu fahren, nach Portugal vielleicht, nach Nordspanien oder an die Strände der französischen Atlantikküste, dürfte er mehr oder minder geschockt sein. Denn der Atlantik ist kein braves Wässerchen, das zum gemütlichen Planschen einlädt, sondern ein veritables Weltmeer – kalt, windig und rau. Wenn man die Weine des Mittelmeers mit denen der Anbaugebiete am Atlantik vergleicht, sind diese Attribute ebenfalls passend. Die Weine des Atlantiks einen ihre Frische und ihr zuweilen wilder, ungekünstelter Charakter. Weine, wie wir sie mögen.

Es ist schon wieder einige Jahre her, als wir uns für eine Weinreise (nicht ferienhalber) entschieden hatten, ins Baskenland an die Nordküste Spaniens zu fahren. In den Tabernas von Bilbao verliebten wir uns in den als Hauswein gereichten Txakoli – ein Weisswein, der nicht mit Kraft oder Extrakt überzeugt, sondern mit einer prägnanten Frische und vor allem mit Trinkbarkeit. Wie der Cidre im etwas westlicher gelegenen Asturien, werden diese Weine von hoch oben herab ins Glas gegossen, um der oft prägnanten Kohlensäure Herr zu werden, getrunken werden diese Txakoli in grossen Schlücken, eigentlich wie Bier, ihr moderater Alkoholgehalt lässt das auch zu. Doch wirklich angetan haben es uns die ernsthafteren, arrivierteren Txakolis, die oft etwas im Hinterland gedeihen. Diese kommen ganz ohne Kohlensäure oder spezielle Ausschanktechniken aus. So etwa das Exemplar von Doniene Gorrondona, ein meeresgeprägter und erfrischender Weisswein. Der Charakter dieser Weine – ob ernsthaft oder einfach – ist einzigartig und wäre ohne den Atlantik nicht denkbar. Die Trauben werden stets vom kalten Wind des Atlantiks umweht – das Geheimnis der Atlantikfrische.

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Ebenso vom Einfluss des atlantischen Ozeans geprägt sind die Weine der westlichen Loire. Bei Nantes, also kurz bevor die Loire in den Atlantik mündet, befindet sich die Hauptzone für den Anbau des Weissweines Muscadet. Er wird aus der eher neutralen Sorte Melon de Bourgogne gekeltert. Der Vorteil neutraler Traubensorte ist, dass sie unter optimalen Umständen die Umgebung widerspiegeln in der sie gewachsen sind. Bei den Muscadets des legendären Bio-Gutes Domaine de la Pépière ist das definitiv der Fall. Schon der kleine Muscadet de Sèvre et Maine «sur lie» bringt ganz viel Terroir zum kleinen Preis mit, ganz zu schweigen vom Lagenwein Clisson. Muscadets sind zwar trinkige, nie anstrengende und subtile Weine. Ihr zuweilen jodiger Charakter und der salzige Zug am Gaumen, machen sie zu atlantischen Sommerweinen der Spitzenklasse.

Unser jüngster Atlantikimport kommt aus Portugal. Die Weinregion Lisboa (früher Estremadura), befindet sich nördlich von Lissabon direkt am Atlantik. Hier ist nicht nur der westlichste Punkt des europäischen Festlandes zu finden, sondern auch einige der grössten Wellen Europas sind hier anzutreffen. Ein Surferparadies und genauso eines für den Weinbau. Wer hier zum Strand will, muss oft einen steilen Abstieg an der Klippe in Kauf nehmen. Die Landschaft in Lisboa ist schroff und rau und das Wetter zuweilen auch. Und das alles dank dem Atlantik. Marta Soares ist eigentlich Künstlerin. Sie kam zu ihrem Weingut Casal Figueira durch ihren Ex-Mann, der während der Ernte 2009 unverhofft verstarb. Er war ein Pionier für den biodynamischen Anbau in der Region und der einzige, der für die ebenfalls eher neutrale Traubensorte Vital kämpfte. Marta führt das Gut und die Idee von Antonio weiter. Die uralten Reben für ihre Weine befinden sich auf einem Berg in einer Senke, der die Reben vor den ärgsten Winden des Meeres schützt. Die Weine werden so naturnah wie nur möglich an- und ausgebaut. Das Resultat sind subtile, atlantische Gewächse. Floral, würzig, seidig und auch steinig-salzig. Weine, die die Frische des Meeres in sich tragen – eine unwiderstehliche Eigenschaft.

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