Interview mit Roger E. Baumann von REB Wein mit Pascal Burckhardt @ Weinheiten.ch

Nachdem ich Roger E. Baumann an einer Weinmesse kennen lernte, lud er mich zum Eröffnungsapero von REB Wein ein. Das Sortiment von REB Wein entsprach mir sehr, so dass ich Roger für ein Email Interview anfragte. Das Interview entstand im Mai mittels Email-pingpong:

Pascal: Roger, wie bist Du zum Wein gekommen?

Roger: Ich bin im Rheintal in der grössten St. Galler Weinbaugemeinde Berneck aufgewachsen. Das Elternhaus befindet sich direkt unterhalb der bekannten Steillage «Pfauenhalde». Als Kind habe ich mit meinen Eltern ein paar mal bei der Traubenernte mitgeholfen, d.h. ich habe vor allem die reifsten Trauben genascht. Als es dann darum ging für Roger eine kaufmännische Stelle zu finden habe ich mich nach ein paar Schnupperlehren in verschiedenen Branchen für die Weinkellerei Nüesch in Balgach entschieden.

Pascal: Du bist also mit Pinot Noir im Blut aufgewachsen. Wenn ich die Rotwein Liste von deinem neuen Weingeschäft REB Wein anschaue fällt mir aber eine andere Rebsorte auf, “Grenache”.  Wie ist deine Liebe zu dieser Rebsorte entstanden?

Roger: Mit 19 Jahren habe ich zum ersten mal Station gemacht im Châteauneuf-du-Pape. Ich war beeindruckt von den vielen alten knorrigen Reben und dem Meer von «galets roulets», den grossen abgeschliffenen Steinen auf dem Plateau von Châteauneuf-du-Pape. Die daraus entstehenden üppigen und starken Rotweine auf Grenache-Basis haben es mir von Beginn weg angetan. Heute bevorzuge ich feinere, elegantere Grenache-Gewächse, die beispielsweise aus hohen Lagen in Aragon/Calatayud oder dem Veneto, wo die Grenache «Tai Rosso» heisst, stammen.

Pascal: Sehr interessant. Wie erklärst Du jemanden den Charakter des Grenache?

Roger: Die oft prallen Noten von hochreifen dunklen Fruchtaromen wie Kirschen, Himbeeren und Pflaumen, oft gepaart mit mediterraner Würze. Der Alkoholgehalt ist meist hoch (14-16 Vol. %), die Säure eher niedrig, Beispiel südliches Rhônetal. Die bereits erwähnten Grenache «Tai Rosso» aus dem Veneto und vor allem der Garnacha aus Aragon – gewachsen 1’020 M.ü.M., können aber sehr wohl ein gesundes Säuregerüst aufweisen.

Pascal: Die Frucht macht also hauptsächlich die Grenache aus? In vielen Weingebieten (Rioja, Priorat, Bandol, Châteauneuf-du-Pape etc.), wird die Grenache in Cuvees mit tanninreichen Rebsorten angeboten. Die wollen alle die Frucht der Grenache in ihren Weinen. Dann müssten Dir die Weine aus Mallorca, resp. die Rebsorte Manto Negro, auch gefallen (Siehe http://www.weinheiten.ch/resultat-rotweine-mallorca-spanien/)

Neben der Affinität zum Grenache, ist mir auch die grosse Anzahl an Bio-Weinen in deinem Sortiment aufgefallen. Wieso Bio-Wein?

Roger: Naja, verschiedenste Mallorca-Weine habe ich letzten Herbst verkostet, u.a. auch die Manto Negro. Wirklich gefallen haben mir die Weine von Miquel Gelabert, authentisch und ausdrucksvoll. Sonst habe ich nicht viel Erfahrung mit Mallorca-Wein, auch weil ich noch nie dort war. Unbedingt mal nachholen! A propos Bio-Wein, die Nachhaltigkeit liegt mir sehr am Herzen. Ich versuche, diese umfassend zu betrachten. An erster Stelle steht für mich immer die Qualität im Glas. Weckt ein Wein qualitativ mein Interesse, «bewegt» mich ein Wein und arbeitet das Weingut nach biologischen oder bio-dynamischen Methoden, dann sind die Voraussetzungen schon einmal gut, dass der Wein den Weg in mein Sortiment finden kann. Ob zertifiziert oder nicht ist dabei nicht einmal ein Kriterium.

Pascal: Bio und biodynamischeer Weinbau ist sehr im kommen. Ich sehe das ähnlich wie Du, zuerst muss der Wein geschmacklich überzeugen. In der Schweiz wird mit der Bezeichnug Bio zum Teil etwas suggeriert was nicht unbedingt dem Bioanspruch des Konsumenten entspricht. Naturnah mit einem Minimum an Spritzvorgängen produzierte Weine sind oft mehr “Bio” als Bio Reben die mit Schwefel und Kupfer gespitzt werden. Des weiteren weiss niemand was in den Kellern passiert…. Echte Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema bei allen mir bekannten Weinbauern.Was hälst Du von Schweizer Wein?

Roger: Die Schweizer Weine schätze ich sehr, die qualitative Entwicklung und die gezielt eingesetzten Innovationen der letzten Jahre sehe ich als sehr positiv an. Ich trinke regelmässig Gewächse aus der Schweiz, vor allem Pinot Noir aus der Ostschweiz. Insbesondere die Herrschäftler haben ein sehr hohes Niveau erreicht. Kritisch betrachte ich die oft grosse Sortimentsbreite der einzelnen Betriebe. Wer etwas auf sich hält bietet seinen Kunden Schaumwein, Viognier, Sauvignon Blanc, Federnweiss, Weiss-, Grau-  und X-Sorten Blauburgunder an. Mit Barrique, ohne Barrique etc. Ein weniger an Vielfalt in Form einer klar ausgerichteten Betriebs- und Sortimentsstruktur würde für alle Beteiligten vieles vereinfachen.

Pascal: Ich bin auch ein grosser Ostschweizer Pinot Noir Fan, leider sind die Preise für gewisse Herrschäftler schon an der Schmerzgrenze. Es gibt auch interessante Bio Pinot Noir aus der Gegend, so den Walenstädtner von Bosshartweine.ch. Die Pinot Noir Sortenvielfalt wie Clevner, Auslese, Spätlese, Barrique (und dann noch ein Rose und Federweiss) finde ich zu gross. Ich habe mal einen Winzer drauf angesprochen und er meinte: Er möchte seine alten Kunden nicht brüskieren. Ich würde einen ohne und einen mit Barrique anbieten.

Wir haben nun viel über Rotwein gesprochen, was sind deine Weissweinsorten und aus welchen Regionen?

Roger: Ich persönlich mag weisse Burgunder sehr, die aber in der Regel noch bezahlbar geblieben sind: St-Véran, Pouilly-Fuissé, Macon-Villages, Rully/Givry, St-Aubin und vor allem Chablis. Wie so oft muss man aber sehr wählerisch sein. Des weiteren trinke ich mit Freuden Riesling, Verdicchio aus den Marken und Vermentino aus Ligurien.

Aus Spanien gefallen mir Weine aus Galizien, zum Beispiel Albarino aus Ribeiro oder Rias Baixas. Genauer unter die Lupe nehmen möchte ich in nächster Zeit die an den Traubenhäuten vergorenen Weine gewisser Produzenten aus dem Friaul und dem benachbarten Slowenien. Genannt wollen die Traubensorten Friulano, Ribolla Gialla oder Pinot Grigio sein. Diese Weine sind so einzigartig anders in der Welt der heute oft auf Gefälligkeit und Fruchtreichtum gepimpten Weissweine. In der Schweiz trinke ich sehr gerne die besten Chasselas aus dem Waadtland

Pascal: Und wie ist dein Verhältnis zu der neuen Welt?

Roger: Etwas gespalten muss ich gestehen. Ganz generell gesagt sind mir die Weine oft etwas vordergründig und überladen. Es fehlt mir das gewisse etwas was ich in Europa im Glas oft finde. Gemeint sei Komplexität und Terroircharakter. Aber aufgepasst, die Winemaker in Übersee lernen schnell.

Auf Reisen nach Kalifornien oder Südafrika habe ich schon einige prächtige Weine getrunken: Pinot Noir und Sparkling aus dem Anderson Valley, individuelle Cabernets aus dem Napa Valley (Heitz, Seavey). Köstliche Sauvignon blanc und Bordeaux-Blends in Stellenbosch und Umgebung.

Zu Südamerika, Australien und Neuseeland habe ich wenig Bezug, weil ich leider noch nie dort war.

Um meinen Weinhorizont noch zu erweitern werde ich in Zukunft sicherlich Gelegenheiten wahrnehmen, vermehrt Überseeweine zu kosten.

Pascal: Genau, leider sind bei uns meist nur grosse Produzenten vertreten welche jedes Jahr die gleichen Weine produzieren auf welche sie ihr Marketing aufbauen. Die Terroir bezogenen Weine welche es ja auch gibt (http://www.weinheiten.ch/freche-weine-aus-santa-cruz-kalifornien-birichino/) haben meist keine Schweizer Importeure.

Zum Schlusse bitte je 2 Wein Tipps: Schaumwein, Weisswein und Rotwein und zu welchem Essen:

Roger:

SCHAUM:

Crémant de Limoux «Résilience» 2008, Dom. Le Moulin d’Alon, Alain Cavaillès, Fr. 15.– (REB Wein). Passt immer.

Herrlicher Champagner von Produzenten wie Jacquesson (No. 735), Egly-Ouriet u.a. (ca. 50.–, bei Zürcher-Gehrig). Passt sowieso immer.

(Man staune, man kriegt 3 Flaschen feinen Crémant für den Preis einer guten Flasche Champagner!!)

WEISS:

Ribeiro X, Coto de Gomariz 2011, Albarino, Galizien, Fr. 18.–. (REB Wein) Zu sanft gegartem Kabeljau und Frühlingsgemüsen.

Rully 1er cur Grésigny 2009, Domaine Jacqueson, Fr. 25.50 (Divo). Blätterteiggebäck mit Frischkäse.

ROT:

Calatayud Garnacha «LAJAS» 2008 Finca El Peniscal, Aragon, Fr. 33.–. (REB Wein) Zu raffinierter mediterraner Küche.

Madiran «Clos Basté» 2009, Tannat, Fr.23.–(REB Wein). Zu kraftvollen Schmorgerichten, deftigen Eintöpfen.

Pascal: Vielen Dank für das Interview und einen guten Start mit REB Wein.

Link zu Weinheiten.ch – Club und Weinblog seit 2003

Bookmark the permalink.

Comments are closed.