AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°30

Weine vom Atlantik: Flüssige Meeresbrise

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Es ist wieder soweit: Die Schweiz fährt in die Sommerferien, mit Vorliebe natürlich ans Meer und unter den Meeren dann am liebsten ans Mittelmeer. Sollte sich ein Mittelmeer-Reisender dazu entschliessen, mal ein Jahr an den Atlantik zu fahren, nach Portugal vielleicht, nach Nordspanien oder an die Strände der französischen Atlantikküste, dürfte er mehr oder minder geschockt sein. Denn der Atlantik ist kein braves Wässerchen, das zum gemütlichen Planschen einlädt, sondern ein veritables Weltmeer – kalt, windig und rau. Wenn man die Weine des Mittelmeers mit denen der Anbaugebiete am Atlantik vergleicht, sind diese Attribute ebenfalls passend. Die Weine des Atlantiks einen ihre Frische und ihr zuweilen wilder, ungekünstelter Charakter. Weine, wie wir sie mögen.

Es ist schon wieder einige Jahre her, als wir uns für eine Weinreise (nicht ferienhalber) entschieden hatten, ins Baskenland an die Nordküste Spaniens zu fahren. In den Tabernas von Bilbao verliebten wir uns in den als Hauswein gereichten Txakoli – ein Weisswein, der nicht mit Kraft oder Extrakt überzeugt, sondern mit einer prägnanten Frische und vor allem mit Trinkbarkeit. Wie der Cidre im etwas westlicher gelegenen Asturien, werden diese Weine von hoch oben herab ins Glas gegossen, um der oft prägnanten Kohlensäure Herr zu werden, getrunken werden diese Txakoli in grossen Schlücken, eigentlich wie Bier, ihr moderater Alkoholgehalt lässt das auch zu. Doch wirklich angetan haben es uns die ernsthafteren, arrivierteren Txakolis, die oft etwas im Hinterland gedeihen. Diese kommen ganz ohne Kohlensäure oder spezielle Ausschanktechniken aus. So etwa das Exemplar von Doniene Gorrondona, ein meeresgeprägter und erfrischender Weisswein. Der Charakter dieser Weine – ob ernsthaft oder einfach – ist einzigartig und wäre ohne den Atlantik nicht denkbar. Die Trauben werden stets vom kalten Wind des Atlantiks umweht – das Geheimnis der Atlantikfrische.

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Ebenso vom Einfluss des atlantischen Ozeans geprägt sind die Weine der westlichen Loire. Bei Nantes, also kurz bevor die Loire in den Atlantik mündet, befindet sich die Hauptzone für den Anbau des Weissweines Muscadet. Er wird aus der eher neutralen Sorte Melon de Bourgogne gekeltert. Der Vorteil neutraler Traubensorte ist, dass sie unter optimalen Umständen die Umgebung widerspiegeln in der sie gewachsen sind. Bei den Muscadets des legendären Bio-Gutes Domaine de la Pépière ist das definitiv der Fall. Schon der kleine Muscadet de Sèvre et Maine «sur lie» bringt ganz viel Terroir zum kleinen Preis mit, ganz zu schweigen vom Lagenwein Clisson. Muscadets sind zwar trinkige, nie anstrengende und subtile Weine. Ihr zuweilen jodiger Charakter und der salzige Zug am Gaumen, machen sie zu atlantischen Sommerweinen der Spitzenklasse.

Unser jüngster Atlantikimport kommt aus Portugal. Die Weinregion Lisboa (früher Estremadura), befindet sich nördlich von Lissabon direkt am Atlantik. Hier ist nicht nur der westlichste Punkt des europäischen Festlandes zu finden, sondern auch einige der grössten Wellen Europas sind hier anzutreffen. Ein Surferparadies und genauso eines für den Weinbau. Wer hier zum Strand will, muss oft einen steilen Abstieg an der Klippe in Kauf nehmen. Die Landschaft in Lisboa ist schroff und rau und das Wetter zuweilen auch. Und das alles dank dem Atlantik. Marta Soares ist eigentlich Künstlerin. Sie kam zu ihrem Weingut Casal Figueira durch ihren Ex-Mann, der während der Ernte 2009 unverhofft verstarb. Er war ein Pionier für den biodynamischen Anbau in der Region und der einzige, der für die ebenfalls eher neutrale Traubensorte Vital kämpfte. Marta führt das Gut und die Idee von Antonio weiter. Die uralten Reben für ihre Weine befinden sich auf einem Berg in einer Senke, der die Reben vor den ärgsten Winden des Meeres schützt. Die Weine werden so naturnah wie nur möglich an- und ausgebaut. Das Resultat sind subtile, atlantische Gewächse. Floral, würzig, seidig und auch steinig-salzig. Weine, die die Frische des Meeres in sich tragen – eine unwiderstehliche Eigenschaft.

AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°29

Cabernet Franc und Gamay: Die Coolen von der Rebschule

Bild_NL_obenWeinmarketing trägt zuweilen seltsame Blüten. Wie jedes Jahr flattern derzeit wieder die Angebote für Sommer-, Terrassen-, Grill- oder Strandweine herein. Und kaum ist das vorbei, gibt’s dann wieder die Cheminée- und Festtagsweine. Als Weinhändler verstehen wir diese Überlegungen natürlich gut, doch an unserem Eigenkonsum merken wir immer klarer, dass sich dieses Vorgehen inhaltlich jeglicher Logik entzieht. Denn gute Weine kann man schliesslich das ganze Jahr über trinken, ganz egal ob sie weiss, rot oder prickelnd sind.

Gamay, die Grundlage des Beaujolais und Cabernet Franc, die rote Königin der Loire, sind wie gemacht für eine Kategorisierung wie eingangs beschrieben. Der Gamay passt mit seiner Leichtigkeit und Süffigkeit zu heissen Temperaturen, dank den zurückhaltenden Tanninen kann er schliesslich auch gut kühl serviert werden. Der Cabernet Franc dagegen nimmt es mit seiner kernigen Art gerne mit Grillgut auf und wird entsprechend gerne als Grillwein bezeichnet. Werden wir damit diesen Sorten gerecht? Wir glauben kaum.

Den beiden französischen Ursorten Gamay und Cabernet Franc gemein ist ihr derzeitiger Erfolg und der kommt sicher nicht alleine vom Konsum im Sommer… Beide Sorten stehen für ungeschminkten Weingenuss aus kühlen Gegenden und scheinen wie gemacht zu sein für einen zurückhaltenden Ausbau ohne Zusatzstoffe.

Cabernet Franc kennen die meisten Weintrinker von seiner Rolle als Verschnittpartner in Bordeaux-Blends. Auch wenn jüngste DNA-Analysen nahelegen, dass die Sorte aus dem Baskenland stammt, so wurde sie schriftlich erstmals im Loire-Tal erwähnt und das bereits Mitte des 16. Jahrhunderts. Und auch wenn die Sorte in den letzten Jahren in heisseren Gegenden wie dem Languedoc angepflanzt wurde, strahlt sie reinsortig nirgendwo so sehr wie an der kühlen Loire. Die kernigen, frischen und oft ungemein süffigen Cabernet Francs von der Loire polarisieren zwar, doch gibt es selten einen Rotwein, der einem so lange nicht verleidet und der so gut zu den verschiedensten Gelegenheiten passt. Dank der kräuterigen Aromatik sind Cabernet Francs nicht nur gute Begleiter zu Fleischgerichten, sondern ebenso zu Gemüse.

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Seit Ende 2017 führen wir die Cabernet-Franc-Weine von der Domaine de L’R in unserem Sortiment. Der Winzer Frédéric Sigonneau gründete das Gut nach einigen Wanderjahren in Spanien im Jahr 2007. Von Beginn an verzichtete er auf Herbizide und Insektizide, ist mittlerweile biozertifiziert und setzt auch im Keller auf absolute Zurückhaltung. Wenn, dann kommt etwas Schwefel in seine Weine, sonst gar nichts. Das Resultat sind absolut typische, moderat extrahierte rote Loire-Weine mit einem unverkennbaren, vollfruchtigen, kräutrig-kernigen Profil und vor allem einem Trinkfluss, den man so selten in der Weinwelt findet. Die Alkoholgradationen bewegen sich um bekömmliche 12 bis 12,5 Vol. %.

Dank der oben beschriebenen Eigenschaften und sicher auch dank der bezahlbaren Preise sind die Cabernet Franc von der Loire zu den Lieblingen vieler französischer Bistrobesucher geworden. Während Bordeaux und Burgunder stets teurer wurden und deren Weingüter oft in die Hände von ausländischen Investoren gelangten, verkörpern die Winzer an der Loire noch den echten, artisanalen Weingeist Frankreichs. Gleich tun es ihnen die Kollegen aus dem Beaujolais, die – quasi im Schatten des Burgunds – kulinarische Saufweine par Excellence auf die Flasche bringen.

Der Önologe und Wissenschaftler Jules Chauvet gilt als Begründer der schwefelfreien Vinifikation und damit der heutigen Naturweine. Doch fast ebenso wichtig ist seine Rolle als Reformator des Beaujolais. Bis heute scheinen sich Weinmacher an seiner Arbeit zu orientieren. So etwa Charly Thévenet, dessen Vater Jean-Paul als einer der «Fab-Four» von Morgon gilt, neben Lapierre, Foillard und Descombes. Sein «Grain & Granit» – stammend aus Régnié, der Nachbarappellation von Morgon – ist neu im REB Wein-Lager eingetroffen. Ein Wein an dem wir zwar stundenlang riechen und nippen könnten, der aber so verdammt gut zu trinken ist, dass das nicht nur uns sehr schwer fällt, sondern Weinfreaks auf dem ganzen Planeten. Ein betörender Wein eben, bestimmt für den Ganzjahreskonsum.

AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°28

SHERRY: ZU SCHADE FÜR DIE SUPPE

Bild_NL_obenDie Florhefe schwimmt auf dem reifenden Wein – hier durch einen gläsernen Fassboden fotografiert.

Als wir vor ein paar Monaten zwecks intensiver Verkostung spanischer Rot- und Weissweine in Südspanien waren, wollten wir uns etwas gönnen. Wir planten als Abschluss unserer Reise einen Abstecher ins sogenannte Sherrydreieck ein. Das Gebiet zwischen den Orten Jerez, Sanlúcar de Barrameda und El Puerto de Santa Maria sollte jeder Weinfreak mindestens einmal gesehen haben, dachten wir uns und damit hatten wir rückblickend nicht ganz unrecht. Importieren wollten wir nämlich nichts. Eigentlich.

Wir verbrachten also zwei Nächte im Küstenort Sanlúcar de Barrameda. Ein unglaublich schönes Städtchen mit seinen urigen Tabernas und schmucken Restaurants, seinen kleinen Gässchen und seiner grossen, reich bestückten Markthalle. Neben dem Sherrygenuss und der Einverleibung erstklassiger Meeresfrüchte, besuchten wir während unseres Aufenthalts auch mehrere Standorte der verhältnismässig jungen Sherry-Bodega Yuste. Diese gehört dem andalusischen Unternehmer Francisco «Paco» Yuste, der seit 1991 alte Bodegas und Soleras samt Weinen aufkauft und ihnen neues Leben einhaucht. Ein Konzept, wie wir es mögen, das Weintradition auf höchstem Niveau aufrechterhält.

Die Aurora-Linie des Gutes – ebenfalls eine alte Marke, die Yuste vor einiger Zeit übernahm – hatte es uns dermassen angetan, dass wir einfach nicht anders konnten und ein paar Flaschen davon in die Schweiz liefern liessen.

Mehr als Suppenzusatz

Bei Prüfungen in Weinausbildungen, etwa der zum Weinakademiker, sind Fragen über Sherry beliebt, denn selten ist eine Weinart so klaren Regeln unterworfen, was den An- und Ausbau betrifft und damit geeignet für Prüfungsfragen aller Art. Wer mal intensiv Sherry kostet, merkt bald, dass dieses Wissen durchaus zu gebrauchen ist, denn die Weinart ist so viel mehr als ein herrlicher Zusatz in klaren Suppen.

Die meisten Sherrys entstehen aus der alten Weissweinsorte Palomino Fino. Die Trauben für die Erzeugung müssen im Sherrydreieck wachsen, wobei der Grossteil der Reben um die Stadt Jerez gedeiht. Die besten Lagen verfügen über die sogenannte Albariza, was so viel wie «weisse Erde» bedeutet. Der grellweisse Bodentyp besteht zu 40 Prozent aus Kalkstein mit einem hohen Kalziumsulfat-Anteil, sowie je nach Lage aus Ton und Sand. Der spezielle Bodentyp speichert das Regenwasser der Wintermonate für die Wasserversorgung der Rebstöcke während der sommerlichen Trockenheit und ist mitunter auch für die betont salzige Struktur der Weine verantwortlich. Trotz sommerlicher Gluthitze müssen die Reben im Sherrydreick nicht bewässert werden und das ist auch gar nicht erlaubt.

Der sogenannte «Mosto», also der Grundwein für einen trockenen Sherry der Art Fino, Amontillado oder Oloroso ist eigentlich relativ neutral, mit dezentem Apfel- und Zitronenduft, bereits leicht salzig im Geschmack aber ansonsten mit einem normalen Weisswein durchaus zu vergleichen – in den Tabernas ist der einfache Wein direkt vom Fass zu kriegen und für das Runterspühlen von Tapas wie gemacht – das können wir nach unserer Reise bezeugen. Die Magie der Sherry-Weine passiert im Keller, wo sie für viele Jahre in einer sogenannten Solera reifen. Dafür werden die Weine mit reinem Weinbrand auf 15 Volumenprozent aufgespritet und danach in die Solera geführt.

Eine Solera stellt man sich am besten als drei Schichten Fässer übereinander vor, wobei der jüngste Wein sich im obersten Fass befindet und nach einer gewissen Zeit dem jeweils unteren Fass zugeführt wird. Abgefüllt wird nur die unterste Ebene, die oberste mit frischem Wein aufgefüllt. Der Grund für dieses Vorgehen ist nicht etwa das Vollhalten der Fässer oder eine konstante Qualität allein, sondern das herauszögern der sogenannten biologischen Reifung unter der Florhefe, einer Kamhefe, die beispielsweise auch beim Vin Jaune oder Vin Typé im Jura entsteht und dem Wein ganz typische Noten wie die von Nüssen verleiht, zudem vermag diese Hefe nicht nur allen Zucker zu verstoffwechseln, sondern baut auch das Glycerin ab, das bei den meisten Weinen für einen breiten, süsslichen Gaumeneindruck sorgt. Unter der Florhefe gereifte Weine sind also stets überaus trocken im Gaumeneindruck und machen einen Grossteil der Sherryproduktion aus.

Den Weinen Zeit lassen

Die erste Stufe der trockenen Sherryweine wird zu 100 Prozent unter Florhefe gelagert und das für mindestens zwei Jahre, wobei die meisten Bodegas ihren Weinen mehr Zeit lassen. Die so gereiften Sherrys werden in Jerez Fino genannt, während derselbe Stil im Küstenort Sanlúcar de Barrameda Manzanilla heisst. Der Manzanilla Aurora von Bodegas Yuste, von dem wir eben kürzlich einige Flaschen aus Spanien bekommen haben, ist bei Abfüllung durchschnittlich 8 bis 10 Jahre alt. Ein goldfarbener, betont saliner und trockener Weisswein, der gut gekühlt jeden Sommerabend zu versüssen vermag. Die Solera für diesen Wein liegt im oberen Teil von Sanlúcar de Barrameda, hier, wo ganzjährig die Meeresbrise zu spüren ist, reifen die Weine besonders harmonisch. Eine solche Bodega oder Solera sollte man sich übrigens nur theoretisch als drei Fässer übereinander vorstellen, in Wirklichkeit handelt es sich um ganze Turnhallen voller Sherryfässer mit reifenden Weinen, ja wahre Kathedralen, wobei die Aurora-Solera noch verhältnismässig überschaubar ist. Ein faszinierender Ort voller Geschichte, wovon alleine schon die Stierkampflakate an den Wänden zeugen – ja, wir haben gefragt, ob wir eines mitnehmen können, leider nein.

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Am selben Ort wie die Finos reifen auch die Aurora-Amontillados. Der Name bezeichnet einen Wein, der zunächst wie ein Fino unter der Florhefe reift bis diese nach rund zehn Jahren mangels Nährstoffen abstirbt. Danach folgt eine oxidative Reifung, die für Noten wie Karamell, Hasel- und Baumnuss sorgt. Auch einem Oloroso liegt immer die Sorte Palomino zugrunde, diese Weine werden aber von Beginn an so stark aufgespritet, dass sich keine Florhefe bilden kann und zu 100 Prozent oxidativ – also ohne Hefeschicht – ausgebaut. Der körperreiche, trockene Aurora Oloroso riecht betont nussig und dörrfruchtig und zeigt sich am Gaumen sehr salzig und ebenfals nussig-intensiv. Ein unwiderstehlicher Begleiter zu reifem, rezentem Käse zum Beispiel – gerne auch aus der Schweiz!

Die Aurora-Linie wird komplettiert durch einen sogenannten Pedro Ximenez, wobei dieser Name für die Traubensorte steht, hier kommt also kein Palomino zum Einsatz. Die Sorte ist überaus zuckerreich. Pedro Ximenez findet meist in fast dickflüssigen und überaus intensiven, dörrfruchtigen Süssweinen Verwendung – so auch bei Yuste. Für dessen Herstellung wird das traditionelle «Asoleo»-Verfahren verwendet. Dabei werden die Trauben so lange an der Sonne getrocknet, bis sie rosinieren und der Zuckergehalt stark erhöht ist. So gewinnt man einen Most mit einer einzigartigen Zuckerkonzentration. Danach werden die Weine ebenfalls vergoren, aufgesprittet und lange, oxidativ gereift. Ein süsses, komplexes Weinerlebnis, das einem aromatisch viele Minuten in Erinnerung bleibt. Und dabei stets bezahlbar bleibt. So wie Sherry sein soll – ein herrlicher Wein zum Trinken und keine Kochzutat.

AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°27

Prünent: Rarer Alpinist

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Das Wort Piemont nehmen wir Weinliebhaber oft allzu leichtfertig in den Mund und denken dabei an die Lagen von Barolo oder Barbaresco, an die Stadt Alba mit ihrem Dom oder an weisse Trüffeln. Doch die eigentliche Bedeutung des Wortes «Piemonte» erschliesst sich einem erst, wenn man die nördlichsten Lagen der Region erkundet. «Ad pedem montium» – am Fusse der Berge befindet sich das Val d’Ossola, ein kleines Alpental südlich des Simplons und gleichzeitig die nördlichste Appellation des Piemonts, gar von ganz Italien. Hier wird seit Jahrhunderten Weinbau betrieben, wie er extremer nicht sein könnte. Umgeben von hohen Gipfeln und dem damit verbundenen, oft rauen Klima wächst auf Granitschotter der Prünent, ein lokaler, uralter Nebbiolo-Klon, der sich an das Leben in den Bergen perfekt angepasst hat. Die Prünent-Stöcke an den Talhängen sind teilweise über hundertjährig und somit wurzelecht. Sie werden auf Steinterrassen und oft in der traditionellen Pergola kultiviert.

So schwierig das Wetter am Fusse der Südalpen sein kann, das alpine Klima ist der Grund für die Vorzüge der hier wachsenden Weine, das gilt für das Val d’Ossolane genauso wie etwa für das Veltlin oder das Aostatal. Die Reben profitieren gerade im Herbst von grossen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht. Am Tag heizt sich der Talkessel auf und in der Nacht kühlen die Fallwinde der Berge diesen wieder ab. Hervorragende Voraussetzungen für die Entwicklung feinster Aromen und Gerbstoffe sowie die Erhaltung einer frischen Säure in den reifenden Beeren.

Die unbekannten Weine der Alpen dürften in Zukunft noch von sich reden machen, denn während viele berühmte Weinregionen durch den Klimawandel mit Hitze, Trockenheit und Wassermangel zu kämpfen haben, blühen die kühlen Regionen gerade jetzt mit perfekten, harmonischen Reifezyklen zu Hochform auf.

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Der Wein aus der Sorte Prünent wurde bereits 1309 erstmals urkundlich erwähnt und einst in grossem Umfang über das Centovalli ins nahe gelegene Tessin exportiert – lange bevor dort der heute allgegenwärtige Merlot Einzug hielt. Noch interessanter jedoch ist die Tatsache, dass der Nebbiolo in den Alpen bereits seit Jahrhunderten kultiviert wurde, bevor er in die Langhe und damit in die berühmten Lagen von Barolo und Barbaresco gelangte.

Bis vor wenigen Jahren schien das bescheidene Erbe des Prünent bedroht – die Sorte steht auf gerade mal 5 der insgesamt 45 Hektar Reben im Tal. Mario und Roberto Garrone sind gewissermassen die Retter der Sorte. Sie haben rund 60 Klein- und Kleinstproduzenten in der Associazone Produttori Agricoli Ossolani zusammengeführt. Jeder von ihnen kultiviert auf winzigen Flächen Prünent, meist als Hobby nach der Arbeit. Die Brüder Garrone verarbeiten die Trauben in ihrer Kellerei, und vermarkten den daraus gewonnenen Wein. Die Hälfte der Produktion dient dem «autoconsumo» der Winzer – also dem Eigenkonsum, nicht dem Konsum im Auto oder des Autos. REB Wein kann seit wenigen Jahren einige der Flaschen, die nicht von den Winzern selbst oder in der lokalen Gastronomie getrunken werden, für die Schweiz ergattern.

Der Prünent ist mehr als ein weiterer Nebbiolo aus dem Piemont, sondern ein seltener Zeitzeuge und ein einzigartiger Botschafter des alpinen Weinbaus. Die Sorte und vor allem ihre Macher sind wahre Helden, denn die Lage der Reben und der Anbau in Pergolas lässt den Einsatz von Maschinen gar nicht zu. Alles passiert von Hand und auf Dünger sowie chemisch-synthetische Spritzmittel wird seit jeher verzichtet. Der Prünent ist durchaus als komplexer Nebbiolo zu erkennen mit seiner grossen Eleganz und Aromatiefe. Er ist einzig alpiner als die berühmteren Pendants Barolo oder Barbaresco, verfügt über eine feine Säure- und Gerbstoffstruktur und passt insbesondere zu deftiger Alpenküche aber eigentlich auch zu allem, zu dem man auch einen grossen Nebbiolo aus der Langhe trinken würde.

AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°26

Rotwein: Weniger ist mehr

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«Wer viel hat, muss viel zeigen» – das ist nicht nur in puncto Oberbekleidung bei Frauen, sondern auch bei der Rotweinvinifikation ein Irrglaube. Gerade in heissen Regionen, wo die Trauben oft von Natur aus dickschalig und zuckerreich sind, scheinen die Winzer oft das Maximum an Extrakt und Kraft rausholen zu wollen. Warum man diese von Natur aus schon tannin- und alkoholreiche Gewächse so lange wie es nur geht auf der Maische liegen lässt und ihnen dann noch mit Neuholz jeden Funken frische Frucht nimmt, ist und bleibt uns schleierhaft. Gut, Erklärungen dafür gibt es schon: In den 90er-Jahren folgten viele Regionen und Produzenten dem Ruf von Kritikern nach kraftvollen, vollmundigen, tanninreichen und gerne auch holzgeschwängerten Tropfen – doch darüber sollten wir doch langsam hinweg sein! Die meisten Kritiker heute – die Verkoster von Robert Parker eingeschlossen – bevorzugen längst Eleganz, Ausdruck und Frische, und wenn wir uns selber oder die Weintrinker in unserem Umfeld fragen, geht es den Konsumenten genau gleich.

Hauptbild_NLDie Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hin zu Blockbuster-Weinen wie Supertuscans oder Ribera-del-Duero-Brettern hatte natürlich auch ihr Gutes. Gerade betreffend Anbau haben in der Zeit viele Regionen grosse Fortschritte gemacht, was dann aber eigentlich ein weiterer Grund ist, im Keller Zurückhaltung walten zu lassen. Warum auch eine der Natur hart abgerungene, perfekte Frucht mit allzu viel Extraktion oder Neuholz verschleiern?

Wir malen hier natürlich ein apokalyptisches Bild – denn nicht alle Winzer und Weine sind so. Ausgerechnet in Spanien – wo wir vor ein paar Wochen auf einer Reise unzählige Holzmarmeladen vorgesetzt bekamen – gibt es eine wachsende Gruppe von Produzenten, die amerikanischem Holz und monatelanger Maischegärung den Rücken kehrt. Es sind vor allem jüngere, weltoffene Produzenten, die erkannt haben, dass die Schule der Konzentration eine Sackgasse ist. Ein gutes Beispiel dafür sind die Macher des Tragaldabas, eines Rotweines aus der Sierra de Salamanca an der portugiesischen Grenze. Der Wein besteht zu 100 Prozent aus der in der Region (oder im benachbarten Portugal) heimischen Sorte Rufete, die hier im kühlen Klima der Berge fast nur elegant gelingen kann – und dann eben im Keller oft zur Unkenntlichkeit überkeltert wird. Die jungen Weinmacher des Tragaldabas sind nebenbei (oder umgekehrt) auch Importeure für Weine aus Frankreich, allen voran aus dem Burgund. Als solche suchen sie eh schon die Frische im Wein und bewahren ganz einfach die Frucht, die sie ernten. Es wird nichts forciert, sondern das auf die Flasche gebracht, was da ist. Nicht mehr und nicht weniger. Am Ende ist das ganz einfach Wein, wie man ihn trinken will. Wein, der die Umgebung zeigt, in der er gewachsen ist. Es wäre doch so einfach…

Angesteckt von der französischen, zurückhaltenden und im Endeffekt eben traditionellen Schule gibt es viele weitere junge Produzenten, die uns begeistern. Es gibt für uns keine schöneren Chianti Classico als die von Montebernardi, kein Cabernet, kein Merlot, kein Barrique, sondern purer Sangiovese und traditionelles, grosses Holz bewahren hier den wahren Ausdruck der Gegend. Ein Neuzugang im REB Wein-Sortiment ist die Domaine de L’R von der Loire. Und auch hier sucht man nichts weiter als den wahren Ausdruck des Ortes, an dem die Reben stehen. Der Le Canal des Grandes Pièces ist ein offenherziger, verführerischer Cabernet Franc, wie er authentischer nicht sein kann. Ein Saufwein, der dazu steht, was er ist und kein konzentrierter, marmeladiger Blockbuster, der auf der Zunge beeindruckt und einem kurze Zeit später im Hals stecken bleibt.

AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°25

Dominio di Bagnoli: Tradition verpflichtet

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Dominio di Bagnoli ist ein eindrückliches Gut – in vielen Belangen. Einerseits ist da die bewegte Geschichte, die zurückreicht bis ins Jahr 954 nach Christus, als unter dem Namen ein Benediktinerkloster gegründet wurde. Andererseits sind da die schieren Ausmasse des Dominio di Bagnoli, eines typischen venezianischen Gutshofes mit riesigen Gebäuden, Kellern, eigener Flugpiste und nicht weniger als 600 Hektar, Wald, Reb- und Agrarland. Klar, die Grösse eines solchen Betriebes wirkt auch auf uns zuerst einmal abschreckend. Kann das gut sein?

Der Dominio di Bagnoli ist kein x-beliebiger Grossbauernhof, sondern ein absolut nachhaltig geführter Betrieb, der die Traditionen seines Landstrichs respektiert. Praktisch jede Familie in der Region hat einen Bezug zur „Villa“, weil viele mal hier gearbeitet haben oder in den weitläufigen Veranstaltungsräumen Feste feierten.  Die Agrar- und Rebflächen sind biozertifiziert, man betreibt ein eigenes Biogaskraftwerk und wo früher Künstler und adlige Venezianer ein- und ausgingen, findet man heute einen beliebten Agriturismo.

Das Herzstück des Dominio di Bagnoli ist der alte Weinkeller, der auf die Zeit der Mönche zurückgeht. Die Vinifikation findet natürlich mit zeitgemässem Equipment statt, die Reifung der Weine jedoch geschieht seit Jahrhunderten in den gothischen Gewölben unter der Erde. Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind hier absolut konstant – ganz ohne Zutun von Klima- oder Kühlanlagen.

Der Schatz von Bagnoli ist der Friularo, eine autochthone Traubensorte, die auch unter dem Namen Raboso bekannt ist. Der Name Raboso bezieht sich vermutlich auf den italienischen Begriff rabbioso, was so viel wie rabiat oder unbändig bedeutet. Dies nicht etwa in Bezug auf einen starken Wuchs der Reben, sondern darauf, dass die Trauben für einen exzellenten Raboso besonders reif sein müssen, denn ansonsten ist der Wein ganz schön rabiat, was Säuregehalt und Tannin betrifft. Der Raboso ist nur ein Beispiel für die unermessliche Vielfalt in den Rebbergen des Veneto, fernab von Prosecco-Prickler und Industrie-Amarone.

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Friularo di Bagnolo ist seit 2011 ein eigener DOCG-Wein, also ein höchstklassiertes italienisches Gewächs. Das versteht man vermutlich erst, wenn man mal einen erstklassigen Raboso im Glas hatte, wie etwa die Vendemmia Tardiva des Dominio. Bei diesem traditionellen Weintyp verbleiben einige Trauben am Stock bis Mitte November und werden erst gelesen, wenn die ersten Beeren zu rosinieren beginnen, dann wird spontan vergoren und der Wein für 27 Monate in grossen Holzfässern und für weitere 2 Jahre in der Flasche gelagert. Ein Friularo von Format.

Neben Rotwein produziert man auf Dominio di Bagnoli auch erstklassige Schaumweine aus der Sorte. Der Wein mit der schwarzen Kapsel besteht aus weiss gekeltertem Raboso, dem er sicher seine frische Säurestruktur zu verdanken hat. Er reifte ganze 5 Jahre auf der Hefe, bevor er degorgiert wurde und ein weiteres Jahr im alten Keller des Dominio verbrachte. Ein grosser Schaumwein aus einer unbekannten Sorte, der es spielend mit manchem Gewächs vermeintlich grösserer Herkunft aufnehmen kann.

Handwerklich produzierte Veneto-Weine wie die von Dominio di Bagnoli, Pialli oder auch Piovene Porto Godi zeichnen sich nicht nur durch ihre klare Herkunft aus, sondern auch durch die Fähigkeit, die Gerichte des Veneto perfekt zu begleiten. Zu Polenta, zu Gemüse von den Laguneninseln oder Meeresfrüchten und Fisch aus der Hafenstadt Chioggia kann man gar nichts anderes trinken. Uns zumindest geht es so.

AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°24

Grosse Flaschen sind gute Flaschen

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Grosse Weinflaschen haben eine starke Anziehungskraft auf praktisch alle Weintrinker. Die Gründe liegen natürlich auf der Hand – eine grosse Flasche hat auch mehr drin, doch es ist mehr als das! Die grössten der grossen Flaschen haben klingende Namen wie Impériale, Balthasar oder Nebukadnezar, doch mit 6 bis 15 Litern sind uns diese Gebinde dann doch auch zu gross. Die grössten der Grossen lassen sich nur mit Spezialvorrichtungen ausschenken – wie unpraktisch und unspontan! Wir bei REB Wein mögen Magnumflaschen, also Weinflaschen mit 1,5 Litern oder zwei Normalflaschen Inhalt.

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Gerade bei trinkigen Weinen – von denen wir doch einige im Sortiment führen – macht es durchaus Sinn, jedem Gast etwas mehr als ein Schlückchen anbieten zu können, zudem liegt so eine Magnum einfach gut in der Hand. Doch wir wären nicht REB Wein, wenn es nicht auch ganz andere Gründe für die Verwendung von Magnums gäbe. Gefestigte Untersuchungen zum Verhalten von Wein in Magnumflaschen sind uns zwar nicht bekannt, doch unsere Erfahrung lehrt uns immer wieder, dass die Doppelflasche der Weinreifung zuträglich ist. Insbesondere bei Schaumweinen, die auf der Flasche ein zweites Mal vergären und reifen, ist der Unterschied zur Kleinflasche oft frappant. So etwa bei unserem Crémant de Limoux von Alain Cavailles. Einige Wochen haben wir auf die frisch eingetroffenen Grossflaschen gewartet und wurden nicht enttäuscht, der Wein aus der grossen Flasche ist noch frischer und feiner als sein kleineres Pendant. Übrigens sagen das nicht nur wir, auch viele Champagnerproduzenten verwenden bei der Versektung für kleinere oder grössere Gebinde Magnumflaschen – beim sogenannten Transvasierverfahren wird der Wein meist in einer Magnumflasche vergoren und dann zum Beispiel in eine Halbflasche umgefüllt. Das überzeugendste Resultat bei der Flaschengärung liefern Magnums, ist einfach so.

Auch Stillweine reifen langsamer und damit harmonischer in grösseren Gebinden. Schön zu beobachten ist das zum Beispiel bei unserem Blaufränkisch Weinberg 2012 vom Weingut Kopfensteiner oder beim Bramaterra 2012 von Colombera & Garella. Blind würde man nie erraten, dass es sich bei der Klein- und der Grossflasche um ein und denselben Wein aus demselben Jahrgang handelt. Auch wenn die Kleinflaschen schon grossen Genuss bieten, sind ihnen die Weine aus der Grossflasche immer einen Schritt voraus – oder hintendrein. Es gibt verschiedene Theorien, warum das so ist. Einerseits ist der Sauerstoffanteil in einer grösseren Flasche verhältnismässig kleiner als in einer kleineren und somit die Reifung verlangsamt, zudem ist die Fläche an Wein, die mit dem Kork in Berührung kommt verhältnismässig kleiner, was sich ebenfalls positiv auf die Reintönigkeit auswirken soll. Aber ganz ehrlich – die Theorie ist für uns hier zweitrangig. An den Festtagen wollen wir Magnums trinken – wenn nicht jetzt, wenn dann sonst?

AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°23

Succés Vinícola: Jung, frech und erfolgreich

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«Trepat ist eine frische Rebsorte, sie ergibt leichte, fruchtige, nicht sonderlich aromatische Weine, die durch ihren niedrigen Alkoholgehalt auffallen und in der Regel für einfache Rosados genutzt werden» – diese Aussage soll euch nicht etwa abschrecken, sondern ist positiver gemeint, als ihr denkt. Es handelt sich hierbei um die Übersetzung eines katalanischen Satzes auf dem «El Mentider» der Succés Vinícola. «El Mentider» heisst «der Lügner» und auf dem Etikett ist ein Mann mit langer Pinocchionase abgebildet. «El Mentider» ist kein leichtes Weinchen und schon gar kein einfacher Rosado, sondern ein seriöser Rotwein mit einem gewissen Tiefgang und einer trinkigen Eleganz, wie wir sie bei REB Wein mögen. Ein völlig eigenständiges Gewächs, nicht typisch spanisch und eben, auch nicht typisch für die katalanische Sorte Trepat. Trepat ist die spanische Antwort auf einen köstlich-frischfruchtigen Beaujolais oder einen süffig-eleganten Pinot Noir – das triffts wohl am meisten.
Vendrell und Albert Canela. Die beiden jungen Weinmacher kennen sich von ihrer Zeit an der universitá und arbeiteten beide bei renommierten Betrieben im Priorat: Albert war sieben Jahre als Weinmacher für Álvaro Palacios tätig und Mariona verbrachte sechs Jahre bei keiner geringeren als Sarah Perez von Mas Martinet. 2011 hatten die beiden schliesslich genug Erfahrung und auch Mut angehäuft, um etwas Eigenes auf die Beine zu stellen: die Succés Vinícola war geboren.
Katalonien und die Unterzone Conca de Barberà ist zwar die Heimat von Albert, doch sicher keine Wunschgegend für ambitionierte Winzer. Denn hier werden in erster Linie Trauben für die Cava-Fabriken produziert, also Sorten wie Macabeo und Parellada und auch der oben erwähnte Trepat findet oft Verwendung in einfach-süffigen Rosé-Cavas.
Marionas und Alberts erklärtes Ziel war von Anfang an, die Welt von den Vorzügen des Trepat zu überzeugen und als erfahrene Priorat-Weinmacher wissen sie genau, dass das nur in den besten Lagen zu bewerkstelligen ist. Mit Hilfe von Alberts Vater, der von Beruf Weinbauer ist, konnten die beiden einige Top-Lagen der Region pachten und nicht selten sind die Trepat-Reben hier älter als die beiden zusammen.

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Der seriös wirkende «El Mentider» etwa verdankt seine Kraft uralten Trepat-Reben. Das Gegenstück dazu bildet der «El Cuca de Llum», das «Glühwürmchen». Ein unkomplizierter Saufwein, wie man ihn sich besser nicht vorstellen könnte. Er besteht ebenfalls zu 100 Prozent aus Trepat und macht seinem Namen gleich mehrfach alle Ehre: Leicht wie ein Glühwürmchen bewegt er sich am Gaumen so lange, bis die Flasche leer ist.
«El Mentider» und «El Cuca de Llum» beweisen eindrücklich, welch hohe Qualität Trepat in reiner Form ausspielen kann. Doch auch als Cuvée brilliert die Sorte. Das zeigen Mariona und Albert mit dem «Feedback», einer Assemblage aus Cabernet Sauvignon, Tempranillo und Trepat. Ein kraftvoller, vollfruchtiger, ja betörender Wein mit Aromen von Waldbeeren und kühlendem Menthol.
Trotz ihrer grossartigen Leistungen für die autochthone Traubensorte Trepat und auch trotz des zugegebenermassen gewöhnungsbedürftig-selbstbewussten Weingutsnamens sind Mariona und Albert alles andere als abgehobene Weinstars. Emsig schleifen sie an ihrer Vision der Sorte Trepat. Auf ihr nächstes Projekt freuen wir uns jetzt schon: der erste Einzellagen-Trepat der Welt aus einer Parzelle mit mehr als 110 Jahre alten Reben.

AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°22

Bandol: Urwüchsige Provence

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Es ist schon einige Jahre und Weinreisen her, als wir die Region Bandol zum ersten Mal besucht haben und bis heute ist uns diese eine Reise in bleibender Erinnerung geblieben. Nur schon die Landschaft hier ist atemberaubend schön. Sie hat nämlich weit mehr zu bieten als die Postkartenmotive der Küstenorte. Das Hinterland des namensgebenden Hafen- und Tourismusortes Bandol beeindruckt mit seiner einzigartigen, urwüchsigen Flora, den kleinen Dörfern und Weilern und den einzigartigen Winzerpersönlichkeiten, die man hier trifft. Die Reben in der Appellation Bandol wachsen auf Terrassen, die seit Jahrhunderten von steinernen Stützmauern – sogenannten Restanques – gehalten werden. Die Menschen ringen den Wein der Landschaft gewissermassen ab und das in Symbiose mit oft mehr als hundert Jahre alter Reben und ebenso traditioneller Kellermethoden.

Das Herz eines Bandols – den es in rot, rosé und ganz selten auch weiss gibt – ist die Mourvèdre-Traube. Eine der eigenwilligsten Traubensorten, die uns je untergekommen ist: sonnengetränkt, meerbrisenbewindet, spätreifend, dickschalig, gerbstoffreich und dazu aromaintensiv. Sie wird ausserhalb der Provence da und dort angebaut, in Spanien heisst sie beispielsweise Monastrell. In der Region Bandol scheint man besonders gut zu wissen, wie man mit ihr umzugehen hat. Einerseits besteht ein Bandol nie nur aus Mourvèdre. Bei den Rotweinen stammen 50 bis 95 Prozent aus der Sorte, bei den Roséweinen 20 bis 95 Prozent. Die Winzer müssen ihre Weine also cuvéetieren, was ihnen ganz gut tut. Zum Einsatz kommen Südfrankreichs bekannte Stars wie Grenache, Cinsault, Syrah und Carignan, die es in manchmal nur kleinen Dosen schaffen, aus dem unbändigen Mourvèdre einen grossen Tropfen zu machen.

Unsere erste Bandol-Reise war im Jahr 1999 und was die Weinstilistik angeht, haben sich die Bandol-Winzer weder vor, noch nach unserem Besuch stark bewegt. Und das ist gut so! Während viele andere grosse Rotweinregionen Europas dem Ruf einiger Kritiker nach barriquegeschwängerten Weinen oder internationalen Traubensorten folgten, wurde Bandol glücklicherweise davon verschont. Die Kritiker haben die Region für sich nie entdeckt, wofür wir heute dankbar sind.

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Im Bandol ist es die natürliche Kraft, die einen Wein prägt. Die Kraft des Klimas, der Muschelkalkböden und der Traubensorten ist hier ohne Netz oder doppelten Boden und mit jedem Schluck spürbar: DER mediterrane Wein par excellence. Die Rotweine werden viele Monate in grossen, oft Jahrzehnte alten Holzfudern ausgebaut, um die jung bissig-kräftigen Gerbstoffe etwas zu bändigen. Barriques kennt man hier – mit wenigen Ausnahmen –  praktisch nicht.

Rote Bandol trinkt man am besten gereift. Schon klar, dass das selten geht, dann sollte man den Wein dekantieren und am besten über viele Stunden beobachten. Zum Beispiel während ein herbstliches, provencialisch-kräutriges Gericht im Ofen schmort. Dazu passt der Wein dann ideal.

Und so ist der Bandol – gerade in seiner roten Form – für uns einer der grossen Rotweine Frankreichs. Die Komplexität dieser Weine ist einzigartig, genauso wie ihre Kraft und ihre Lagerfähigkeit. Das war schon so als wir zum ersten Mal dort waren und würden wir heute wieder hingehen, hätte sich das sicher auch nicht verändert.

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AUSSCHNITT: REB WEIN LETTER N°21

Domaine Sainte-Croix: The Wild Side of Languedoc

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Um einen Wein geschmacklich einschätzen zu können, ist man gut beraten, wenn man das blind tut, also ohne den Winzer, die Region oder die Traubensorte zu kennen. Denn wenn man die Parameter eines Weines kennt, ist es gut möglich, dass man voreilig Sympathiepunkte verteilt. Doch ist das wirklich so schlimm? Im normalen Trinkalltag ganz sicher nicht! Zu einem Wein gehört so viel mehr als der blosse Geschmack. Wein erzählt Geschichten, ist Ausdruck eines Ortes, einer Vegetationsperiode und vor allem ist er Ausdruck einer Persönlichkeit. Und da ist es ja nur logisch, dass man lieber den Wein einer Person trinkt, die einem sympathisch ist, mit der man etwas verbindet, als von einer, die man vielleicht gar nicht kennt oder noch schlimmer – mit der man lieber keinen Abend verbringen möchte.

Die Weine von Jon und Elizabeth Bowen zaubern uns immer ein Lächeln aufs Gesicht und das aus vielerlei Gründen. Die gebürtigen Engländer arbeiteten in den verschiedensten Betrieben auf der ganzen Welt, in kleinen Boutiqueweingütern ebenso wie in grossen Stahltank-Wein-Fabriken, bis sie sich entschieden, sich im Hautes-Corbières, also dem höhergelegenen Teil des Corbières-Massivs, im Languedoc niederzulassen. Eine Region mit grossem Potenzial für hochwertige Weine. Die Hautes-Corbières ist Niemandsland. Während in den tieferen Gefilden Richtung Mittelmeer der Weinbau das Landschaftsbild dominiert, regiert im Hinterland die Garrigue, eine wilde, rurale und unverfälschte Buschlandschaft, die vor allem im Sommer unwiderstehlich wild-kräutrig riecht, ganz wie die Weine, die hier wachsen. Die Reben von Jon und Liz stehen hier quasi isoliert, in einer absolut reinen, unverpesteten Gegend – gut für die Reben, ihre Macher, den Wein und für uns.

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Kennengelernt haben wir Jon und Liz über unseren Freund und “maître caviste” Laurent Jamois aus Lagrasse und schon bald nach dem ersten Zusammentreffen – inklusive eines ausgedehnten Nachtessens und der einen oder anderen Flasche Wein – war uns allen klar, dass wir zusammenarbeiten möchten.

Jon und Liz kümmern sich gemeinsam um die Rebberge, im Keller ist Jon der Chef, während sich seine Frau um all den Zahlenkram kümmert, den ein Weingut nun mal auch noch mit sich bringt. Jon spielt in seiner Freizeit Gitarre und ist ein absoluter Musiknerd, sodass die Gespräche sich auch mal stundenlang um dieses Thema drehen können und Wein zum angenehmen Nebenaspekt wird. Während es für Jon bei der Musik auch mal virtuos sein darf, übt er im Keller Verzicht, er extrahiert die Trauben sehr zurückhaltend, vergärt sie mit Vorliebe spontan, lässt das Filtrieren der Weine, wenn es denn nicht unbedingt sein muss, schönt nicht und gibt Sulfite einzig in minimalen Dosen zu.

Die Weine der Domaine Sainte-Croix reflektieren die Faszination und auch den Respekt der Bowens für die Hautes-Corbières. Jon und Liz suchten lange nach alten Parzellen, bestockt mit Carignan und anderen alten Sorten, die ihnen auf natürliche Weise das Mass an Konzentration und Ausdruck geben, nach dem sie in ihren Weinen suchen.

Betrachtet man die Fakten, gehören Bowens klar zu den Naturweinwinzern. Doch wenn man die beiden und ihre Arbeit näher betrachtet, wird einem erst klar, wie wenig Sinn dieser Ausdruck überhaupt macht. Jon und Liz sind ganz einfach zwei Menschen, die sich, den perfekten Ort für ihr Schaffen und die dazu passenden Methoden gefunden haben. Schön, dass es sie und ihre Weine gibt.