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REB Wein Blog

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REB Wein Geschichte N°57

Bramaterra: Die Sehnsucht nach der Erde

Bramaterra – was für ein Wort! Auch ohne seine Bedeutung zu kennen, strotzt der Begriff nur so von Herkunft und Charakter. Wer aber seine Bedeutung kennt, ist vollends in seinem Bann: La Brama ist das italienische Wort für die Sehnsucht, Terra der Begriff für Erde – Bramaterra bedeutet also Sehnsucht nach der Erde, schöner geht es doch kaum für eine Weingegend.

Wie dem geneigten REB-Wein-Fan bekannt sein dürfte, ist Bramaterra eine DOC im Nordpiemont, am Fuss der Südalpen, zwischen den Seen Lago Maggiore & Lago d’Orta und dem Aostatal im Westen. Gemeinsam mit Ghemme, Gattinara, Boca und Lessona waren die Weine der Region bereits sehr bedeutsam, lange bevor ihnen Barolo und Barbaresco den Rang abliefen. Doch ab Anfang des 20. Jahrhunderts starteten turbulente Zeiten. Die Reblauskrise und ein zerstörerischer Hagelsturm im Jahr 1904 löschten den Weinbau im Nordpiemont fast komplett aus. In der Folge wanderten die Bauern aus der Gegend ab, um in den Fabriken der nahen Ballungszonen Turin und Mailand Arbeit zu suchen – bei Fiat etwa, in der Textilindustrie oder in der Maschinenfabrik Olivetti. Die Rebflächen wurden also sich selber überlassen und die Natur holte sich die Gebiete wieder zurück. Im Nordpiemont stösst man noch heute auf verwitterte Stützmauern in den Wäldern, die von einstigen Rebanlagen zeugen.
 
Vor 20 Jahren begann eine neue Ära im Nordpiemont, die man heute gut und gerne als Renaissance bezeichnen kann. Stück für Stück wurden und werden Flächen neu bepflanzt, was natürlich durchaus herausfordernd ist – schliesslich sind die alten Lagen nicht einfach so zugänglich. Wenn die Besitzverhältnisse mit den Waldbesitzern geklärt sind, muss der Wald zunächst gerodet und das Gelände für den Weinbau bereit gemacht werden, viele Lagen sind auch dann nur mit dem Geländefahrzeug zu erreichen. Doch es lohnt sich: Die Rebberge des Nordpiemonts liegen inmitten der Natur und sind von Haus aus mit einer grossen Biodiversität ausgestattet. Bramaterra macht seinem Namen heute alle Ehre – endlich kann die Sehnsucht nach diesem einzigartigen Flecken Erde gestillt werden. Die Erde, im Sinne des Terroirs, ist es nämlich, die hier für Charakterweine sorgt, wie man sie nur selten auf der Welt findet.
 
Die Rebflächen der Appellation Bramaterra – heute sind es immerhin wieder rund 35 Hektar – liegen in der Nähe des namensgebenden Hügels Bramaterra zwischen Gattinara im Osten und Lessona im Westen. Das Gebiet erstreckt sich über die Gemeinden Roasio, Brusnengo, Curino, Sostegno, Lozzolo und Villa del Boscoin den Provinzen Vercelli und Biella. Die Böden hier am Fusse des Monte Rosa sind nicht etwa von Gletschermoränen geprägt, sondern von einem Supervulkan, der hier aktiv war, lange bevor die Alpen überhaupt entstanden. Die Innenfläche der Caldera bildet heute die Landschaftstopografie im unteren Sesiatal und den angrenzenden Hügeln, vorherrschend in den Appellationen Boca, Gattinara und Bramaterra. Dieses Porphyr-Gestein mit rosa Quarz ist reich an Mineralien wie Mangan und Eisen, Silicium oder Bor, zudem gibt es auch kalkhaltige Adern sowie in den tieferen Gebieten Kies oder Sand. Das Terroir von Bramaterra ist also durchaus heterogen, was es umso spannender macht, Weine aus verschiedenen Lagen und von verschiedenen Produzenten zu kosten – und natürlich im Sortiment zu führen. Eine grössere Auswahl an Bramaterra-Weinen und Weinen aus dem Nordpiemont im Allgemeinen als in unserem Sortiment findet man wohl nirgends. Das dürfen wir mit Fug und Recht behaupten.
 
Der PH-Wert der Böden in Bramaterra ist besonders tief, was zu hohen Säurewerten in den Trauben und schlussendlich im Wein führt. Organisches Material dagegen ist Mangelware, was in einem schwachen Wuchs und einer natürlichen Ertragsbeschränkung resultiert. Klein aber fein – so fällt die Traubenernte in Bramaterra aus.
 
Die milde Gegend am Fusse des mächtigen Monte Rosa-Massivs bietet hervorragende Voraussetzungen für die Traubensorte Nebbiolo, die 80 Prozent der gebietstypischen Cuvée ausmacht. Hier kann die Sorte lange ausreifen (ideale Tag-Nacht-Temperaturunterschiede während der Reifeperiode) und so ihre feine Struktur und komplexe Aromatik entwickeln. Sind die Alkoholgehalte in der Langhe, in Barolo und Barbaresco, für einen Puristen heute oft zu hoch, lassen die Weine aus Bramaterra mit Werten um 13 Volumenprozent diesbezüglich keine Wünsche offen.
 
Einzigartig an den Weinen von Bramaterra ist nicht nur die Ausdruckskraft des edlen Nebbiolos, sondern auch die in der Tradition verwurzelte Komplettierung der Cuvée mit den heimischen Varietäten Croatina und Vespolina. Vespolina ist eine Verwandte des Nebbiolo und prägt mit einer pfeffrigen Würze und Trinkfluss, während die dunkelfarbige, intensive Sorte Croatina für zusätzlichen Biss in den Weinen sorgt.
 
Der Weinbau in Bramaterra hat Tradition – mehr als in manch anderem Gebiet Europas. Beweise dafür reichen zurück bis ins 11. Jahrhundert, wobei der Name Bramaterra erstmals 1447 auftauchte. Dieser stand lange nicht für den Wein selbst, sondern für die Gemarkung. Der Wein wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts als Masserano bezeichnet, benannt nach der wichtigsten Gemeinde im Gebiet.
 
Die Weine von Bramaterra sind auf positive Weise traditionell. Dies auch dank dem Ausbau in gebrauchten, quasi neutralen grossen Holzfässern aus slawonischer Eiche. Sie wollen nicht mit überbordender Frucht oder rundem Charakter begeistern, sondern verfügen über eine zeitlose Eleganz. Einige würden sie vielleicht als karg bezeichnen, was wir hier als Kompliment auffassen – eher karg ist schliesslich auch die Gegend in der sie wachsen, sie sind also perfekte Botschafter ihrer Herkunft, passend zu der ländlichen Küche: Risotto, Polenta, Tagliatelle mit Steinpilzen, den verschiedenen Alpkäsen der nahen Alpwiesen etc. Folgerichtig sind es Weine, die ihre Zeit brauchen, um ihre Schönheit zu offenbaren, das gilt für die Reifung im Keller aber genauso für den Genuss. Unverfälscht und zeitlos schön sind sie ein perfekter Gegenpol zur oft schnelllebigen, trendgetriebenen (Wein-)welt unserer Zeit.